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Apr 29

2. April

Tag: sigi.hiss @ 12:00

Graves & Pessac Léognan auf Domaine de Chevalier

Edgar Wallace Atmosphäre

Edgar Wallace Atmosphäre

Ein leichter Morgendunst lag über den Rebstöcken von Chevalier, es machte den Eindruck sie duckten sich unter den Nebelschwaden hinweg. Ich war einer der Ersten & setzte mich in die Bibliothek, direkt neben dem Verkostungsraum liegend. Exakt um Uhr 10:00 konnte ich an einen der Plätze: Laptop an den Strom, Degu-Software hochfahren, stilles Mineralwasser ordern, die Gläser „geschmeckt“ & los kann es gehen.

Zuerst die Roten & dann die Weissen. Scheint, als ob man in Bordeaux nicht weiss, wie man verkostet, scheint aber nur so. Es macht absolut Sinn die Weissen hinterher zu verkosten. Bedenken, dass Tannine, Eichengeschmack & Farbstoffe den Mund so belegen, dass man von den Weissen nichts mehr schmeckt, sind nach ein paar „Mundspülungen Weisswein“ ad acta gelegt. Regelrecht erfrischend wirken Säure & Mineralität auf den Gaumen. Ähnliches erlebt man mit wirklich trockenem Champagner oder Sekt nach einer Süssweinprobe, sozusagen als Digestif. Einfach ausprobieren!

Insgesamt standen 19 Rot- & 17 Weissweine bereit. Eine kleine amüsante Geschichte nebenbei: Nach ca. 1 Stunde kam eine Gruppe von 4 Personen hereingestürmt, einer davon setzte sich neben mich. Ich habe selten einen Menschen erlebt der, ohne böse Absicht wohlgemerkt, innerhalb kürzester Zeit aus der ruhigen Atmosphäre am Tisch, diese in eine hektische & chaotische verwandelt hat – Sensationell. Man bekam die Weine eingeschenkt, man kann aber auch rennend, das Servicepersonal anrempelnd, sich die Weine selber holen, ja das geht auch. Nun aber zu den Weinen ;-))


Rotweine

Generell haben mir die Rotweine aus Graves & Pessac Léognan sehr gut gefallen, durchaus mit einer hohen durschnittlichen Qualität. Das Tannin schien etwas reifer bzw. runder zu sein, alles in allem sehr gut balancierte Weine. Ich fange mit den fragwürdigen Flaschen an & das heisst in diesem Fall mit Smith Haut Lafitte an. Die Erste roch leicht nach Erbrochenem, seifig & war nicht bewertbar. Eine zweite Flasche war zwar immer noch sehr wild, rustikal & mostig aber deutlich besser als die Erste, man konnte die Qualität zumindest grob greifen – ein guter bis sehr guter Wein. Latour-Martillac hatte eine sehr klare Nase mit rotbeerigen Früchten, im Mund aber war nur sperriges Holz, sehr deutlicher Alkohol & eine hohl wirkende Frucht erkennbar – sollte man nochmals probieren. Larrivet-Haut-Brion mit noch sperriger Art, aber sehr reifer Frucht dagegen, etwas alkoholisch wirkend, trotzdem ein guter Wein. Bei Carbonnieux fehlte mittig im Mund etwas der Extrakt, er wirkte hart, knochentrocken & mit spröder sehr karger Frucht – es fehlte bei dieser Flasche einfach die Substanz. Dabei hatte er eine sehr klare kirschige Nase mit guter Tiefe, vielleicht kommt da ja doch noch mehr. Auf zumindest gleichem Niveau war de France mit kompottiger Nase & einer modernen, geschliffenen Struktur & guter Balance am Gaumen. Sehr zugänglich & offen aber auch mit Rückgrat. Notiert hatte ich:“…ein Blender?…“ – könnte sein. Haut-Bailley ist ein sehr kraftvoller, mit vollreifer Frucht, fast wuchtigem Alkohol & reifem Tannin, ausgestatteter Wein. Wenn der Alkohol nicht die überhand gewinnt, dann wird das ein sehr guter Pessac Léognan. Sehr ähnlich ist Haut-Bergey mit etwas besser ausbalanciertem Alkohol, etwas grösserem Potenzial & einer deutlichen Cassisfrucht. Sollte sich sehr gut entwicklen & lange halten.

Die Bibliothek

Die Bibliothek

De Chantegrive so meine ich, ist ein eher eleganter, leichterer & zurückhaltender Wein, der in den Bewertungen leicht zu übersehen ist. Eine herbe, vegetabile Aromatik mit schwarzkirschiger Note & zugänglicher balancierter Art zeichnet ihn aus. Olivier mit noch sehr verschlossener Nase, kraftvoller, mineralischer Art & trotzdem gewisser Eleganz. Die gradlinige Säure verleiht ihm eine sehr frische & doch geschmeidige Art. Sehr rassig, mit kompakter Säure, rotbeerigen frischen Früchten & schöner Finesse im Mund ist der Les Carmes Haut-Brion. Die dezente Nase erinnert an Zedern, frischem Waldboden & wieder an Rote Johannisbeeren, gute Tiefe – ein feingliedriger Pessac Léognan. Auf ähnlichem Level aber eher ein Kraftprotz ist Ferrande mit offener, sehr erdiger, nach Rote Beete duftender Nase. Der Gaumen ist durch Power, Dichte, rote eingelegte Früchte & noch etwas sperrigem Tannin gekennzeichnet – mittleres Potenzial. Picque Caillou gefällt mit saftiger, zugänglicher Art, sowohl in der Nase als auch am Gaumen. Rauchig, schokoladig mit guter Tiefe in der Nase & saftiger balancierter Frucht, reife elegante Säure & offener Art im Mund. Rahoul mit offener holunderartiger, tiefer Nase & toller Balance, frischer Frucht, feinsandigem Tannin, stellt frühen Trinkgenuss auf sehr gutem Level dar. Wobei er sicher mehr als nur ein paar Jahre halten wird, durchaus gutes Potenzial. Louviére erstaunlich gut, mit einer sehr reinen, floralen Nase in der Veilchen dominierten. Im Mund mit einer noch sperrigen Art, jedoch einer dichten Frucht dahinter. Sehr voll, modern & zugänglich mit einer süsslichen brombeerigen Frucht in der Nase ist de Fieuzal. Am Gaumen mit einer festen verschlossenen Struktur, welche noch Zeit benötigt – sehr guter Wein. Der Wein des Hausherrn, Chevalier, überzeugte mit toller Balance, rassigem reifem Tannin, einer konzentrierten waldbeerigen Frucht & saftiger Säure. Hat das Potenzial sich zu einem hervorragenden Wein zu entwickeln, dürfte schon jung zugänglich sein & trotzdem sehr lange reifen. Wiederum eine positive Überraschung war Bouscaut, dem ich nicht soviel an Qualität zugetraut hätte. Schon sehr zugänglich mit sehr reiner, balancierter & minziger Nase. Im Mund ebenfalls mit sehr guter Balance, geschliffener Struktur, tiefer dunkler Frucht & eleganter Art. Sollte frühen Genuss auf hohem Niveau bieten, jedoch keine Ewigkeit halten. Malartic-Lagraviére überzeugte mich noch mehr, allerdings scheine ich da eher in der Minderheit zu sein. Mit kühler, minziger frischer Nase, in der auch feines Cassis & getrocknete Kräuter zu finden sind, überzeugte er mich absolut. Am Gaumen sattes aber reifes Tannin, runder Säure, einer tollen Balance auf konzentriertem Niveau & sehr kompakter Struktur, bin gespannt wie er sich entwickelt. Pape-Clément war für mich der beste Wein, allerdings habe ich Haut-Brion & ein paar andere Güter nicht probiert. Herrlich tiefe, klare & pur wirkende Nase mit frischen schwarzen Früchten & Grafit. Dichte, viel reifes Tannin, & einer schwarzbeerigen kompakten Frucht zeigen im Mund die sehr hohe Qualität an – Hervorragend.


Weissweine

Grundsätzlich sind die Weissen sehr rassig mit einer prägnanten Säurestruktur ausgestattet, also nichts für Weinliebhaber die den runden, sanften, cremigen oder opulenten Weissweinstil bevorzugen. Nicht verheimlichen darf man, dass es auch Exemplare gab, bei denen die Säure unreif war, also grün & spitz. Ansonsten ist die Qualität homogen & auch auf sehr gutem durchschnittlichem Niveau, was sicherlich fehlt, sind die wirklich Grossen oder gar die Jahrhundertweine.

Beeindruckend

Beeindruckend

Fangen wir mit Bouscaut an, sehr reifes gelbes Steinobst, Hauch Stachelbeere & guter Komplexität. Eine feste Säure, dichte Struktur, sehr mineralisch & einem sehr langen salzigen Abgang. De Chantegrive mit kräftiger Säure, schlanker rassiger Art, Granny & Limettenaromen, weitere Reifezeit bis ca. 2011 tut dem Wein gut. Völlig unruhig, hefig, diffus aber mit balancierten Komponenten, reifer Säure & reifer Frucht zeiget sich de Chevalier. Sehr dicht, dezentes Barrique & ein hoher Extrakt lassen auf einen sehr guten Wein schliessen – sollte gut reifen. Die kraftvollere, wuchtigere Ausgabe des Chevalier stellte Pape-Clément dar. Auch er komplett unruhig, hefig aber Substanzreich & tief, nur alles eine Stufe wuchtiger & erdiger – sehr guter Wein. De Fieuzal hingegen schon zugänglich, offene saftig-süffige Art, reife Säure & Frucht & etwas Mineralität – reife Melonen & Williamsbirnen. Schon das Fassmuster animierte zum Trinken, man erkannte aber auch Potenzial für mehr als nur 3-4 Jahre. In der gleichen Ecke steht Rahoul nur etwas exotischer in der Frucht. Carbonnieux stellte den cremig-schmelzigen Stil dar, mit reifen Stachelbeeren & Kiwis, tief & komplex in der Nase. Im Mund eine runde balancierte Struktur, reifer animierender Säure & vollreifen Zitrusfrüchten. Sehr stumpf sowohl in der Nase als auch am Gaumen präsentierte sich Picque Caillou, sehr wenig greifbare Frucht. Schwer zu bewerten aber ich bin überzeugt der wird ein sehr gutes PLV darstellen. De France mit einer kräftigen Säurestruktur, viel Extrakt im Hintergrund & einer tiefen komplexen Art – sehr gut. Ein runder, kräftiger Wein mit Substanz war Olivier, weit ausladender Art, reifer molliger Frucht & sehr langem etwas breitem Abgang – sollte schon früh zugänglich sein, aber auch einige Jahre halten.

Noblesse

Noblesse

Malartic-Lagraviére mit einer noch dezenten Nase nach Stachelbeeren, Minze & Menthol aber sehr tief & komplex. Reife Zitrusfrüchte, sehr mineralisch, Kraft & Eleganz vereint, eine leichte Bitternote im Hintergrund & sehr langem Abgang – hat Klasse & Stil. Latour-Martillac war extrem unruhig, hefig, sehr vom Schwefel dominiert, war zwar sehr tief & konzentriert, eine echte Aussage war aus dieser Flasche aber nicht zu treffen. Starker (Nasen) Tobak war der Haut-Bergey, ein gewaltiger Stinker mit grünlich scharfer leicht urinaler Aromatik. Der Gaumen jedoch strotzte vor Kraft, Mineralität, Dichte, einer saftigen Mineralität & einer sehr reifen komplexen Frucht – das sollte ein hervorragender Wein werden. Mit noch viel Holztannin, reifen Stachelbeeren- & Holunderblütenaromen, präsentierte sich Smith Haut Lafitte. Im Mund aber eine sehr finessige, elegante Art mit einer feingliedrigen Säure, einer leicht phenolischen Struktur, deutlichem Holztannin & der Aromatik wie in der Nase. Ich bin überzeugt, dass die Frucht das Holz ausbalancieren wird & dann ein hervorragender Wein entsteht. Louviére besticht mit sehr offener, würziger, pfeffriger & tiefer Nase, in der man auch Aromen von etwas Brennnessel & frisch gemähtem Gras findet. Eine brillante Säure, gepaart mit noch etwas fester Mineralität, einer kühlen kraftvollen Frucht, endet im sehr langen mineralischen Abgang – Klasse. Bei Larrivet-Haut-Brion lehne ich mich jetzt mal sehr weit aus dem Fenster, auf die Gefahr hin, dass ich nass werde. Aber dieser Wein hat mich begeistert. Die dichte sehr salzige, rassige & pure Nase war ein Erlebnis, reife sehr klare kühle Früchte. Der Gaumen war eine Kopie der Nase & bestach mit Finesse, Eleganz, Dichte, wieder einer sehr salzigen Mineralität & einem wunderbar balancierten Abgang – Hervorragend. Ich bin gespannt wie sich dieser Wein in 2-3 Jahren, nach der Abfüllung & weiterer Zeit auf der Flasche, zeigen wird.

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